Ein weltweites Unikat, die Kronenzeitung

Warum Sie immer skeptisch sein sollten, wenn ein österreichischer Politiker einen „Gugelhupf“ essen geht.


Die Gründung

Im Jahr 2021 wäre Hans Dichand 100 Jahre alt geworden. Er galt als einer der einflussreichsten Männer des 20. Jahrhunderts. Der Grund: am 11. April 1959 gründete er die Neue Kronen Zeitung. Laut österreichischer Auflagenkontrolle (ÖAK) ist die Kronen Zeitung stand August 2020 die auflagenstärkste Zeitung in Österreich. Die verkaufte Auflage liegt bei 650.894 Exemplaren, die „Krone“-Druckauflage liegt bei über 710.000 Exemplaren. Absoluter Spitzenwert sind die Sonntags-Auflagen der Kronen Zeitung: Mit einem Verkauf von 1.096.417 Exemplaren ist sie das mit Abstand größte Printmedium am Sonntag.1 Mit einem Marktanteil zwischen 40 und 47% ist sie sogar eine der reichweitenstärksten Tageszeitungen der Welt.2Die Kronen Zeitung hat daher eine gewichtige MeinungsmacherInnen Position. Nicht immer, aber auffällig oft fielen Entscheidungen in Österreich nach dem ausdrücklichen Willen der „Kronen Zeitung“.3 Das wissen auch die österreichischen PolitikerInnen.


Unsere lieben Politiker

Dieser Umstand hat zu den kuriosesten Unterwerfungsgesten geführt. Unvergessen ist z. B. „Klestils Kniefall“. Im Jahr 2002 empfing der damalige Bundespräsident Klestil, den Krone-Chef Dichand in der Hofburg zu Kaffee und Gugelhupf, danach gab ihm Klestil stolz eine Privattour durch die Gemächer der Hofburg. Eine Aktion, die von der Medienlandschaft als Unterwerfung Klestils gedeutet wurde, und die in der Dokumentation Kronenzeitung, Tag für Tag ein Boulevardstück nachzusehen ist.4 Ein ähnliches Vorgehen war der 2008 verfasste offene Brief des damaligen Bundeskanzlers Werner Faymann an Hans Dichand, nachzulesen bei DER STANDARD.5 Die SPÖ verfolgte zu dem Zeitpunkt eine Pro-EU-Linie, als es um den Vertrag von Lissabon (2007) ging. Sie hatte die Kronen Zeitung dabei allerdings nicht hinter sich. Angesichts der nahenden Nationalratswahlen im September 2008, entschied sich der damalige geschäftsführende Vorsitzender der SPÖ, WernerFaymann einen offenen Brief an Dichand zu schreiben, in welchem er sich bereit erklärte, Eingeständnisse in der EU-Politik zu machen. Dies wurde in der Medienlandschaft als „EU-Kehrtwende der SPÖ“ gedeutet.6


„Der letzte Zaar“

Nicht verwunderlich, dass Dichand mehrere Spitznamen hatte, die seine, bzw. die Macht seines Mediums zeigten: “Der Alte”, “Der Kanzlermacher”, laut Big Brother Award des Jahres 2007 sogar “Der Manipulator der Republik”, oder „Der Letzte Zar.“ Immerhin stand er 62 Jahre lang auf Kommandobrücken von Tageszeitungen, das ist wohl Weltrekord.7


…Auf den Fersen

- Kaasgrabengasse 10, Grinzing (Dichand Villa)

- Muthgasse 2, Döbling (Kronen Pressehaus)-

- Weihburggasse 9, früherer Sitz der Galerie Würthle, die von 1881 bis 1995 bestand, und von 1976 bis 1995 der Familie Dichand gehörte (heute ist dort eine Filiale von Dantendorfer)


Davy-Nathan Burgstaller


Quellen:

[1] https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200819_OTS0081/oeak-jahresschnitt-1-halbjahr-2020-die-krone-steht-erneut-am-siegespodest-als-auflagenstaerkste-tageszeitung (OTS Presseaussendung 19.08.2020)

2 Melanie Magin, Birgit Stark, Österreich, Land ohne Leuchttürme? Qualitätszeitungen im Spannungsfeld zwischen publizistischer Leistung und strukturellen Zwängen. In: Roger Blum, Heinz Bonfadelli, Kurt Imhof, Otfried Jarren (Hrsg.), Krise der Leuchttürme öffentlicher Kommunikation. Vergangenheit und Zukunft der Qualitätsmedien (Wiesbaden 2011) 97-114

3 https://www.diepresse.com/375071/der-herr-der-kampagnen ("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)

4 Kronen Zeitung, Tag für Tag ein Boulevardstück: https://vimeo.com/29895632 (2002)

5 https://www.derstandard.at/story/3393035/der-spoe-brief-an-dichand-im-wortlaut- (01.07.2008)

6 https://newsv1.orf.at/080630-26773/?href=https%3A%2F%2Fnewsv1.orf.at%2F080630-26773%2F26774txt_story.html (2011)

7 Herbert Lackner, https://www.profil.at/home/der-zar-hans-dichand-1921-2010-271325 (20.06.2010)

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