Maria Theresia und die Schulreform

Erziehung zum Wohl des Staates durch „die Heranbildung brauchbarer Untertanen, pflichtbewusster Beamter und gehorsamer Soldaten“[1]


Schul- oder Unterrichtspflicht?


Bekanntlich geht die Schulpflicht in Österreich auf Maria Theresia (1774) zurück. Genau genommen wurde nicht die Schulpflicht, sondern die Unterrichtspflicht (für 6-12jährige) eingeführt, denn Wohlhabenden blieb die Möglichkeit, ihre Kinder zu Hause durch einen Hauslehrer unterrichten zu lassen. Vorreiter waren die Habsburger nicht. In anderen Ländern gab es schon seit Ende des 16. Jahrhundert eine Schulpflicht. In Österreich war sie Teil grundlegender Staatsreformen, die als eines der größten Verdienste Maria Theresias gelten und die dringend notwendig waren, um die wirtschaftliche und militärische Rückständigkeit Österreichs gegenüber anderen Ländern auszugleichen. Die böswillige Behauptung, dass sich das Schulsystem in Österreich seit Maria Theresia nicht verändert hat, ist wohl eher eine Anspielung auf zu langsame Veränderungen im Bildungssystem und entspricht nicht der Realität. Das heutige Schulsystem lässt sich auf die 1918 eingeleitete Schulreform des damaligen österreichischen Unterrichtsministers und Präsidenten des Wiener Stadtschulrates, Otto Glöckel[2], zurückführen.


Schule im Sinne der Aufklärung


Mit Maria Theresia setzte die Zeit des aufgeklärten Absolutismus ein. Wobei das Eigenschaftswort aufgeklärt nicht über das Hauptwort Absolutismus hinwegtäuschen sollte. Der Schulbesuch sollte in erster Linie der Erziehung der Menschen (ganz im Sinne der Aufklärung) dienen, der Achtung vor den Autoritäten und zum Nutzen der Allgemeinheit (also dem Staat) und nicht einen mündigen Bürger hervorbringen. So wurde auch hauptsächlich das Lesen (und hier in erster Linie die Bibel) gelehrt, während das Schreiben nur rudimentär unterrichtet wurde[3]. Mit Einführung der Schule übernahm damit der Staat die Erziehung seiner Untertanen und nicht mehr die Familie oder die Kirche. Damit konnte der Einfluss der Kirche, der bis dahin weitestgehend die schulische Ausbildung (so es dann eine gab) oblag, weiter zurückgedrängt werden und die Säkularisierung, also die Trennung von Staat und Kirche, voranschreiten. Was aber nicht bedeutete, das christliche Werte weniger Bedeutung bekamen. Schließlich war Maria Theresia fest im Katholizismus verwurzelt.


Zäher Beginn


Der verpflichtende Schulbesuch kam bei der (Land)Bevölkerung nicht so gut an, da die Kinder als Arbeitskräfte benötigt wurden. Zudem sahen viele Menschen keinen Nutzen in der Schule, ermöglichte die Bildung doch keinen sozialen Aufstieg. Doch auch sonst fand die Schulreform wenig Unterstützung. Die Lehrer waren schlecht bezahlt und ausgebildet, Unterrichtsräume und Geldmittel fehlten und die Kirche befürchtete, dass das Lesen von möglicherweise protestantischen oder unchristlichen Schriften eine Abkehr vom katholischen Glauben zur Folge haben könnte. Kein Wunder, dass die Um- und Durchsetzung der Schulpflicht noch Jahrzehnte dauerte[4].


[1] Roland Pichleritsch. Ausschnitt aus der Schulrealität im 18. Jahrhundert in Österreich mit speziellem Blick auf die Entwicklungen in der Mädchen-und Frauenbildung im Zuge der Reformen unter Maria Theresia und Joseph II. Diplomarbeit, Universität Wien, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät (2014). S.60

[2] BMBWF. Geschichte des österreichischen Schulwesens (2019). Abgerufen am 26.01.2021 unter https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/schulsystem/sw_oest.html [3] Otto Ludwig. Der Schulaufsatz. Berlin/Boston: De Gruyter (1988). S.267 [4] Ludwig Boyer. Annäherung an die Schulwirklichkeit zur Zeit Maria Theresias. Quellen zur „Realgeschichte “des niederen Schulwesens in Österreich. Wien: Jugend & Volk (2006). S.23ff.

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