Mittelalterliche Gesellschaft in Wien – ein neuer Blick


Warum es ist nie zu spät ist, das eigene Bild des Mittelalters zu aktualisieren


Wie war der Alltag im Wiener Mittelalter?

Das ist eine Frage, die man nicht einfach so beantworten kann. Will man sich dem gesellschaftlichen Alltag des Mittelalters in Wien seriös annähern, ist man gezwungen, immer nur punktuell einzutauchen - immerhin reden wir von einer Zeitspanne von über 500 Jahren. Das erfordert eine kühle und möglichst objektive Herangehensweise, welche bereit ist Klischees und romantisch verbrämte Vorstellungen außen vor zu lassen. Denn auch das Leben im Mittelalter folgte einer gewissen Logik, so wie heute auch. Vieles, das wir Wiener:innen des 21. Jh. aus dem Mittelalter als fremd oder eigenartig empfinden, ist entweder falsch, übertrieben oder lässt sich erklären. Denn für das meiste gab es einen Grund. Ein Beispiel?



Kleiderordnung

Im mittelalterlichen Wien des 15. Jh. erließ die städtische Obrigkeit eine Kleiderordnung. Die Wiener:innen aus dem 21. Jh. können sich das heute gar nicht vorstellen. Was geht es die Stadt an, was ich anhabe und was nicht? Nun, die Kleiderordnung von 1450 war im Prinzip nichts anderes als ein Regulativ, um das Übel des Strebens nach Luxus zu bekämpfen. So war es z.B. Wiener Ratsbürgern (die ranghöchsten Mitglieder der sozialen Leiter) verboten, Seide zu tragen. Jede:r hatte seinen festen Platz innerhalb der streng ständischen Gesellschaft, und jeder Versuch sich durch seine Kleidung höher zu stellen, als er/sie eigentlich war, sollte nicht gestattet werden. Kleidung hatte eine soziale Verweisfunktion, deswegen war es der damaligen Obrigkeit wichtig, Wertgrenzen festzulegen. Noch ein Beispiel?


Handwerksordnung

Im mittelalterlichen Wien waren die Gewerbe seitens der städtischen Obrigkeit strengstens reguliert. Von der Arbeitszeit, den Löhnen, der Ausbildung von Lehrlingen, der Vermittlung von Arbeitskräften bis hin zum erwarteten Gewicht von Brotlaiben, mussten sich sämtliche Bereiche der Wiener Gewerbe an strenge Regeln halten. Hierfür gab es das „Handwerksordnungsbuch“ aus dem Jahr 1430 mit über 393 (!) Handwerksordnungen für jedes einzelne Gewerbe. Es wurde sogar zwischen drei verschiedenen Bäckern unterschieden. Warum das alles? Nun, ohne ein solch ausgeklügeltes System, wäre eine derart hohe Konzentration an verschiedenen Gewerben, wie es sie damals in Wien gab, nicht überlebensfähig gewesen, weil es ständig Missbrauch gab. Diese strenge Regulierung von Gewerben gibt es auch heute noch in Wien. Nageldesigner:innen zum Beispiel, die Fingernägel lackieren, dürfen dies nicht bei Fußnägeln, ohne vorher teure Kurse zu machen. Oder wussten Sie, dass die Fiaker-Betriebsordnung den Fahrer:innen vorschreibt, was sie anzuziehen haben? So viel zum Thema Kleiderordnung…


Quellen:

Csendes, Peter, and Ferdinand Opll. Wien : Geschichte Einer Stadt. : Band 1, : Von Den Anfängen Bis Zur Ersten Wiener Türkenbelagerung (1529). Reprint 2014. ed. Köln :: Böhlau Verlag, 2015. Wien, S. 411-494

Brüggen, Elke. "Die Weltliche Kleidung Im Hohen Mittelalter: Anmerkungen Zu Neueren Forschungen." Beiträge Zur Geschichte Der Deutschen Sprache Und Literatur (Tübingen) 110.2 (1988): 202-28

„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.02.2016. Online unter: https://www.diepresse.com/4935057/gewerbeordnung-wie-man-es-firmen-schwer-macht

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