Ofen zum Verheizen der Staatspapiere

Von meinen Kids habe ich zu Weihnachten eine Wienkarte – von „Artaria & Comp., am Kohlmarkt“ - aus dem Jahr 1824 geschenkt bekommen, und ab und zu schau ich mir die an und entdecke immer wieder neue, spannende Details. Vor ein paar Tagen wars wieder mal soweit – ich steh vor der Karte – und staune - weil ich lese „Ofen zum Verheizen der Staatspapiere“ – aufgestellt am Glacis (dem Grünstreifen vor der, damals noch existierenden, Stadtmauer), neben dem Wienfluß, in etwa vis a vis vom heutigen Konzerthaus bzw. am Standort des Beethoven Denkmals.


Fragen – viele Fragen – schossen in meinem Kopf…

Warum wurde der Ofen aufgestellt?

Wann und wie lange war er in Betrieb?

Was da wohl damals verbrannt wurde?

Wer war dafür zuständig?

Wer hat entschieden welche Staatspapiere damals verbrannt wurden?


Außerdem musste ich schmunzeln, denn Schelm wie ich bin, dachte ich, so manch ein Politiker der heutigen Zeit würde sich so einen Ofen wohl liebend gerne zurückwünschen…


In den Folgetagen erinnerte ich mich immer wieder an den Ofen. Ich beschloss, mehr darüber in Erfahrung bringen zu wollen. Sodass ich nicht nur ein G’schichterl erzählen, sondern auch mit Wissen glänzen kann.


Erster Versuch, die digitale Bibliothek der Stadt Wien (www.digital.wienbibliothek.at) – meistens eine gute Möglichkeit bei Spezialthemen. Aber dieses Mal leider Fehlanzeige. Kein einziger Eintrag über einen „Ofen zum…“ – oder ich hatte ganz einfach die falschen Suchkriterien eingegeben.


Zweiter Versuch - google. Naja, ich muss gestehen, zuerst war ich nicht wirklich erfolgreich, aber spannende Vorschläge kamen. So wurden mir etliche Öfen angeboten, vom Kachelofen bis zum Griller. Artikel übers Heizen oder Verbrennen tauchten auf, und auch die Story „Gemütlich knistert‘s im Ofen“ – irgendwie passend, wenn ich mir vorstellte, dass Staatspapiere vernichtet wurden 😊




Jetzt hatte mich mein Ergeiz gepackt – nächster Versuch – und ich wurde fündig: Die Österreichische Nationalbank hat im Jahr 1959 das Werk „Das Österreichische Noteninstitut, 1816-1966; verfasst von ihrem Bibliothekar Dr. S. Pressburger“ herausgegeben. Ab Seite 50 im 4. Kapitel „Die Bancozettel“ wird’s spannend für mich – hier eine kurze Zusammenfassung:

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts (während der Regierungszeit von Maria Theresia und Franz I. Stephan) erfolgten Bankgründungen aufgrund Budgetkrisen (die wiederum Folgen der Kriege waren). Ab 1762 fanden erste Ausgaben von Banknoten mit dem Ziel der Bedeckung der kaiserlichen Schulden bei „Goldschmieden“ statt (indem ein unverzinsliches Papiergeld eingeführt wurde). Konkret erfolgte ab Juni 1762 die Ausgabe von 12 Millionen „Bancozettel“ - allerdings war diese Vorgangsweise eine bloße Staatsschuldenkasse. So ging es dahin, schlussendlich folgte im Jahr 1811 der Zusammenbruch dieses Systems und der Staatsbankrott. In den Jahren davor konnten die Bancozettel gegen Bargeld umgetauscht werden, waren „alsogleich zu vernichten“ und wurden „auf der Glacis linker Hand vor dem Schotten-Thor“ verbrannt. Obwohl 1796 eine zweite Generation der Bancozettel eingeführt worden war, herrschte großes Misstrauen in der Bevölkerung, sodass sich jedermann des „Papiergeldes“ zu entledigen suchte und dieses gegen Bargeld eintauschen wollte.


Auszug aus dem Text der Österreichischen Nationalbank:



Vom 26. März dieses Jahres angefangen waren täglich immer umfangreichere Runs auf die Bancozettelkassen zu verzeichnen. Eine lebendige Darstellung dieser Vorgänge und der sich daraus ergebenden Situation findet sich in den Vorträgen und Noten des Obersten Direktorialministers Graf Lazansky, wovon hier einige Beispiele gegeben werden sollen: 28. März 1797: "Die Zudringlichkeit des fiir Banco-Zettel klingende Münze fordernden Publikums hat gestern auf eine höchst beunruhigende Arth angefangen, und was dabey noch das Bedenklichste ist, daß die Furcht, oder das Mißtrauen in dieses Papiergeld schon den gemeinen Mann ergriffen zu haben scheint, weilen man wahrnehmen mußte, daß das Amt der Bancozettelkassa mit Hausknechten, Handwerkern und auch Landleuten angefüllt war, die mit Posten zu mehreren Hundert und Tausend Gulden zur Auswechslung gekommen seynd. Es ist schon beunruhigend und für die erschöpften Kassen druckend gewesen, wenn diese Auswechslung die letzte Zeit hindurch wöchentlich bis 100.000 Gulden betragen hat, aber der einzige gestrige Tag hat bey 130.000 Gulden gekostet. Sollte es so fortgehen, so seynd der Täge wenige, wo man es wird bestreiten, und den Credit der Bancozettel, wovon in der That dermahlen das Heil der Monarchie hänget, aufrecht erhalten können. Es ist nicht entfernte Gefahr, sondern würklich einbrechendes Unglück, was der Monarchie droht und jede Stunde ist unersetzlicher Verlust, die man versäumet mit allem Ernst auf zweckmäßige Maßregeln zu denken, die, wären sie auch für den Augenblick paliativ, den Werth des Papiergeldes, von welchem der übrige Staats-Credit, die Subsistenz der Armeen, die innere Ruhe, und kurz das Heil der Monarchie abhängt, in dieser Crisis erhalten zu können . . ."

Und die Situation verschlechterte sich weiter, bis sich sogar „Seine kaiserliche apostolische

Majestät aus landesväterlicher Fürsorge“ einbrachte und per Verordnung zum Beispiel einen maximalen Wechselbetrag von 25 Gulden festlegte. Die Regierung gab mehr und mehr Münzen aus, aber jede neue Münzenausgabe führte nur zu Hortungen derselben.


Mehrere Rettungsversuche der Bancozettel schlugen fehl – so wurde beschlossen, die eingenommenen Zettel öffentlich zu verbrennen. Um diesem Vorgang eine größere spektakuläre Bedeutung zu verleihen, verfügte der Kaiser (Franz II./I.) mit Handschreiben vom 28. Februar 1804 an den Hofkammerpräsidenten Graf Zichy die Errichtung eines neuen öffentlichen Verbrennungsofens. Auf Grund dieses Handschreibens wurde ein Verbrennungsofen am Wienfluß in der Nähe der Stubenbastei erbaut und im August 1804 aus dem Verkehr gezogene Bancozettel verbrannt. Ferner wurden 41 Millionen unbrauchbar gewordenes Papiergeld in gleicher Weise der Vernichtung zugeführt.


Offensichtlich stand der Ofen noch einige Jahre neben dem Wienfluß. Wie lange er tatsächlich in Betrieb war und wie viele Bancozetteln und altes Papiergeld insgesamt verbrannt wurden – das konnte ich leider nicht herausfinden…


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