Skandal an der „Burg“

Zum 90. Geburtstag von Schriftsteller Thomas Bernhard


Der Skandal


1988 habe ich maturiert, u.a. in Deutsch. Ich hatte durch meine sehr engagierte Deutsch-Professorin in der Oberstufe eine große Begeisterung zur Literatur entwickelt. Daher folgte ich im Winter 1988 sehr gespannt einer Einladung zu Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ am Burgtheater.

Ich war auch skeptisch, denn meine damalige Einstellung war eindeutig von meinem Umfeld und den Medien geprägt, die „Heldenplatz“ im November 1988 zum größten Theaterskandal Österreichs machten und Thomas Bernhard „Nestbeschmutzer“ nannten. Entgangen ist mir jedoch, WIE SEHR Österreich auf den Barrikaden war. Bei einer Literaturführung mit einer Fremdenführer-Kollegin erfuhr ich, dass u.a. Bauern Scheibtruhen mit Mist vor der „Burg“ ausgeleert und Boulevard-Medien mit Schlagzeilen wie „Steuerzahler soll für Österreich-Besudelung auch noch bezahlen!“ getitelt haben.1 Österreichische Politiker aller Couleurs empörten sich.


Bernhards wiederholte und wiederholende Reibung an Österreich


Thomas Bernhard würde am 9. Februar seinen 90. Geburtstag feiern. Geboren in den Niederlanden, aufgewachsen in Salzburg, wollte er Opernsänger werden, was jedoch eine Lungenerkrankung verhinderte. Er wurde Autor und etablierte mit seinem ersten Roman „Frost“ (1963) einen einzigartigen Stil, der auf Wiederholungen basiert, zum Großteil aus Monologen des Ich-Erzählers besteht und durch Polemik gekennzeichnet ist. Zahlreiche Werke folgten, ihnen allen ein weiteres wesentliches Merkmal gleich: Bernhards Reibung an Österreich und dessen nationalsozialistischer Vergangenheit und (damaliger) Gegenwart. Zahlreiche Honoratioren aus Politik und Kirche fühlten sich in den 1970er und 80ern durch Bernhards Werke verunglimpft.

Seine Theaterstücke gehörten dennoch international zu den meistgespielten von deutschsprachigen Autoren und führten wegen ihrer schonungslosen Auseinandersetzung mit dem verdrängten Nationalsozialismus immer wieder zu Skandalen.


Kein Denkmal in der Stadt


Bernhard verfügte ein Aufführungsverbot seiner Stücke in Österreich, das mit der Gründung der Thomas Bernhard-Privatstiftung (1998) durch seinen Halbbruder und Nachlassverwalter Peter Fabjan aufgehoben wurde. Dieser hat vor kurzem das Buch „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernard. Ein Rapport“ veröffentlicht, in dem er ihr kompliziertes geschwisterliches Verhältnis aufarbeitet und mehr über die widersprüchliche Persönlichkeit Bernhards erzählt.

1988 hat mich „Heldenplatz“ gelangweilt, ich habe das Drama „anstrengend“ empfunden. Heute würde ich es gerne noch einmal sehen, denn Bernhards Kritik ist zeitlos und wichtig. Vielleicht werde ich das Stück auch lesen, am besten in seinem Lieblingscafé, dem „Bräunerhof“ im ersten Bezirk. Sein Grab am Grinzinger Friedhof kann man besuchen. Ein Denkmal wurde Thomas Bernhard in Wien nie gesetzt.


…Auf den Fersen


- Café Bräunerhof, Stallburggasse 2, 1010 Wien

- Grinzinger Friedhof, An den langen Lüssen 33, 1190 Wien

- Burgtheater, Universitätsring 2, 1010 Wien

Interessantes Detail am Rande: Der Universitätsring, wo sich das Burgtheater befindet, hieß bis 2012 Dr.-Karl-Lueger-Ring. Lueger war Wiener Bürgermeister im frühen 20. Jahrhundert, damals beliebt, heute wegen seines offenen Antisemitismus und seiner Schwärmerei für Hitlers „Mein Kampf“ sehr umstritten. Deshalb wurde dieser Abschnitt des Rings 2012 umbenannt. Thomas Bernhard - er starb bereits 1989 – hat dies nicht mehr erlebt.


Quellen:

1) https://orf.at/v2/stories/2204464/2204461/

sowie der Wikipedia-Eintrag zu Thomas Bernhard


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